Ein besonderes Datum – a special date

Poem, Thought

Am 20. April 2015, vor genau einem Jahr, bin ich nach 2 Monaten Pilgertum und mehr als 1500 km zu Fuß in Santiago de Compostela eingetroffen. Am selben Tag (20. April 2015) fand der Zürich Marathon statt, den ich 2014 nach einer herausfordernden Trainingsperiode überglücklich gefinished habe – dabei ist ein Zielfoto entstanden, das mich zum New York Marathon gebracht hat… heute ist also ein besonderes Datum für mich.

Da ich noch viel an meine Pilgerreise denke, will ich zu diesem Anlass ein paar Aphorismen aufschreiben, die ich (oft im Gespräch mit anderen) auf dem Weg entwickelt habe bzw. die ich mir von anderen gemerkt habe. Aphorismen – da ich genau zu diesem Thema ein paar spezielle Erinnerungen habe. Auf dem Weg gibt es nämlich einen Mann, der sich den “Alchimisten” nennt. Er wurde dort relativ berühmt, fast schon ein Phänomen, und das indem er kleine Tafeln mit von ihm stammenden Aphorismen an verschiedenen Stellen entlang des Weges platziert hat. Bei ihm in der Herberge bin ich auch untergekommen.

Und ich habe noch eine besondere Erinnerung / Anekdote zu erzählen. Nachdem ich mein erstes Tagebuch fast voll geschrieben hatte (ich habe jeden Tag einiges darin notiert), habe ich mich in Pamplona auf die Suche nach einem weiteren Tagebuch gemacht. Ich wollte eines in der gleichen Art wie das erste (von Moleskine). So habe ich einen kleinen Buchladen im Stadtzentrum betreten. Und prompt zog die nette Dame im Laden auf meine Anfrage hin genau solch ein Tagebuch heraus, wie ich es gesucht habe. Im gleichen Format wie das alte, nur in einer anderen Farbe. Das einzige dieser Art im Laden … darüber habe ich mich wirklich gefreut. Wir kamen ins Gespräch und irgendwann trug ich noch ein weiteres Anliegen vor: da ich ja auf dem Weg Gedichte für mich entdeckt hatte, suchte ich noch nach einfach zu lesenden Gedichten auf Spanisch. Nun begann die Verkäuferin in ihren vorrätigen Schätzen zu suchen … sie legte ein Gedichtband nach dem anderen vor mir auf die Theke, unter anderem auch von Dichtern aus dem Umkreis. Sie fand zudem ein Buch mit Aphorismen auf Spanisch. Wir begannen, zusammen darin zu lesen. Que fuerte! (wie stark), war ihr Kommentar, als sie den Spruch El amigo que perdiste es el juez más implacable de tu consciencia (den Freund, den du verloren hast, ist der gnadenloseste Richter deines Gewissens) vorlas.

Und das Ende der Geschichte kommt glaube ich wenig überraschend: Ich habe das Buch mit den Aphorismen gekauft (mit dem Argument, dass diese einfach zu lesen sind), zudem das Tagebuch sowie zwei weitere Bücher mit Gedichten. Ironischerwise kam ich gerade von der Post, um ein Paket mit Büchern, die ich bisher auf dem Weg gelesen hatte, nach Deutschland zurückzuschicken. Es haben natürlich nicht viele Leute verstanden, dass ich in der heutigen Zeit Bücher (in der Mehrzahl) in meinem Rucksack herumgetragen habe, und das erwarte ich auch nicht. Aber ich mach einfach richtige Bücher.

Und nun die Sammlung der Aphorismen, in ihrer Originalsprache zuerst:

_____________________________________________________________________________

On April 20th 2015, exactly one year ago, I have been arriving at Santiago de Compostela after a journey of two months and more than 1500 km by foot. The same day (April, 20th 2015), the Zurich Marathon took place in which I participated in 2014 finishing really happy after a training period including challenges and struggle – the picture taken at the finish line lead to a journey to the New York Marathon… a memorable date for me.

As I reminisce quite a lot about my pilgrimage, let me share some aphorisms on this occasion that I developped (sometimes in conversation with other people) or that I remember other people saying that still contain some important lessons along my journey. Aphorisms – because I have some special memories on this topic as well. On the Camino, there’s a man who calls himself the „alchimist“ – he became quite famous, almost a phenomenon on the Camino, by placing little boards with his handwritten aphorisms along the way. I also stepped by in his hostel.

And there is one more special memory / anecdote. In Pamplona, when I had almost filled my first dairy (I wrote quite a bit every day), I have been searching for another one. I wanted to have one in the same style (by Moleskine) as the old one. On my quest, I entered a little bookshop in the city centre. And the nice lady in there just got out the dairy I have been searching for. Same format as the old one, just in a different colour. The only one left in this shop … I have been so happy about this. We chatted a little, I told her that I recently discovered poems and asked for some poems in Spanish that were understandable for a non native speaker. She got out a few books by authors from the region and kept searching for a while. She also found a book with aphorisms in Spanish. We started to read it together in the bookshop, and she became quite enthusiastic about it. “Que fuerte!” (how great), she exclaimed reading out loud the phrase “El amigo que perdiste es el juez más implacable de tu consciencia” (the friend you have lost is the most implacable judge of your conscience).

I guess this does not come by surprise: I ended up buying this book with aphorisms (with the argument, that’s it’s also easy to read) plus the diary and two other books with poems. Ironically, I had just dropped off a parcel at the post office with other books (in plural) I had been reading on the journey so far to send them home. Not many people understood me carrying around books in my backpack and I don’t expect them to do. But I just love real books.

And here comes the collection of aphorisms, in the language they were generated in first:

1

L’argent devrait être un moyen, pas un objectif. Sinon, c’est triste.

Money should be a means, not a destination. Otherwise, it’s sad.

Geld sollte ein Mittel sein, kein Lebenszweck. Alles andere ist traurig.

Anerkennung darf man genießen, aber man sollte Dinge aus einer anderen Motivation heraus tun.

You should enjoy recognition, but you should do things out of another motivation.

In der Weite der Natur wird die eigene Winzigkeit offenbar.

In the vastness of nature, your own diminutiveness becomes apparent.

N’arrête jamais de chercher (la vérité).

Never stop searching (the truth).

Höre nie auf, (nach der Wahrheit) zu suchen.

Wer gegen den Strom schwimmt, wird belohnt.

Who swims against the current will be rewarded.

Arroganz ist immer fehl am Platz. Demut ist der Ansatz, der sich auszahlt.

Arrogance is always out of place. Humility is the approach that pays off.

Don’t think too much. (Hi, Marc!)

Hacer nudos resulta mucho más fácil que deshacerlos. (del libro Lenguaraz de Erika Martíez)

It’s easier to tie knots than to untie them.

Es ist einfacher, Knoten zu machen als diese zu lösen.

La imitación es el peor de los silencios. (del libro Lenguaraz de Erika Martíez)

Imitation is the worst kind of silence.

Die Imitation ist die schlimmste Art der Stille.

2

Sprüche, Gedichte, Bilder & Marketing – Quotes, Poems, Pictures & Marketing

Black Forest Lodge, Poem

0.4

Inmitten der Umbauarbeiten und der Planerei widme ich mich mal einem anderen, sehr angenehmen Thema. Zunächst habe ich die Idee, dass jeder Gast in Zukunft auf seinem Kopfkissen neben einer kleinen Süßigkeit (im Idealfall die bereits vorgestellte Schokolade) einen Spruch erhalten soll. Mit der Stoffsammlung habe ich bereits angefangen. Dabei werde ich viel von meiner persönlichen Sammlung preisgeben: vor allem Passagen aus sämtlichen Büchern auf verschiedenen Sprachen, die ich über die Jahre herausgeschrieben habe, aber auch meine liebsten Motivationssprüche bis zum Bibelzitat. Gefällt euch die Idee? Noch ist die Stoffsammlung nicht abgeschlossen, wenn mir jemand (s)einen Lieblingsspruch von sich mitteilen will, so bin ich dafür sehr offen und füge ihn gerne zur Sammlung hinzu (sofern er mir nicht total misfällt 😉 ). Im nächsten Schritt überlege ich mir mal, wie ich das drucke.

Between the ongoing home remodelling and all the planning, I dedicate this blog post to a different, but very pleasant topic. First, I have the idea that every guest should get some little sweetness on his pillow (ideally the chocolate I have already presented) and some quote / saying. I have already started to collect them: much is from my personal collection of quotes from books in various languages I have read over the years. But there are also other motivational slogans to a few Bible quotes. Do you like my idea? If you think you have another great quote for me and want to share it, please do so. I will add it to the collection (if I do not completely dislike it 😉 ). In a next step I will think about how to print this out.

0.5

1

2

Um die Wanddekoration (zusätzlich zu den Bildern) mache ich mir auch schon Gedanken und setze Ideen in die Tat um. Ich mag es ja nicht, wenn man an einem Ort gefühlt wahllos mit Motivationssprüchen oder Zitaten überschüttet wird. Deshalb will ich nur Ausgesuchtes und in Maßen aufhängen. Aber das Aussuchen macht Spaß (ich denke, da kann mich jeder Verstehen). Letzte Woche habe ich von der Seite Juniqe meine beiden Lieblingsposter bestellt (nur der Druck, die Konfetti sind von mir):

I have also started to care about wall decoration (apart from paintings). I do like to read quotes, but I do not like to be flooded with inspirational quotes … so I want to use all this in moderation. But still, it’s really fun to think about how to make this place look nicer and individual (I guess everybody understands me). I have ordered two posters I really love from the website Juniqe (I did the confettis myself):

3

4

Und ich weiß auch schon, in welchem Raum diese süßen Gesichter ihren Platz haben werden (anstatt von Tiergeweihen, welche ja zur Zeit schwer im Trend sind):

And I already know in what room these guys will have their place:

5

Und zuguterletzt passt es noch, wenn ich an dieser Stelle erwähne, dass ich ein riesen Fan von allem Handgeschriebenen bin. Und ich würde gerne ein paar handgeschriebene Gedichte aufhängen (zum Beispiel diese). Daher habe ich auch schon ein paar Leute angesprochen, die eine schöne Handschrift haben, ob sie mir nicht ein Gedicht abschreiben wollen (oder auch Maler, ob sie nicht ein Bild malen möchten). Wenn sich gerade jemand angesprochen fühlt und in der Lodge verewigen möchte: nur her mit den Gedichten (oder was auch immer euch einfällt)!

Last but not least, as I really like everything that is handwritten, I would like to hang up some handwritten poems (for example these ones). I have already approached some of the people of who I know are good at painting or have a nice handwriting if they’d paint or write something for me. If you feel like doing this and want to perpetuate in my lodge, please feel free to write (or copy) a poem!

Die Mär von allen Möglichkeiten – the fairy tale of having all possibilities

Poem, Thought

Vor einem Jahr hatte ich meinen Job bereits gekündigt, aber keine Ahnung, was ich in drei Monaten tun würde, nur sehr viele Ideen in meinem Kopf. Als ich mit verschiedenen Leuten über meine Situation sprach, habe ich oft den Satz gehört: „Du bist doch noch jung und hast alle Möglichkeiten.“ Irgendwann hab ich richtig allergisch darauf reagiert und geantwortet: „Na toll, wenn ich so weitermache, werde ich mit all den tollen Möglichkeiten sterben und was bringt mir das dann?“

Ich habe den Satz mit den vielen Möglichkeiten schon als Kind gehört (und Leute meines Alters sicher auch). Das ist natürlich in gewisser Hinsicht ein großer Luxus. Zum Beispiel war ich frei zu studieren, was auch immer ich wollte (zumindest fast), aber letztendlich musste ich mich für eine Sache entscheiden. Auch wenn ich heute sicher nicht wieder Volkswirtschaftslehre studieren würde, so würde mir die Wahl zwischen romanischen Sprachen, Bibliothekswissenschaften, Medizin, Mathe, Sport und Soziologie immer noch äußerst schwer fallen. Gut, ich habe mich eh gegen ein zweites Studium entschieden, da so ein Studium doch sehr in die Tiefe geht und ich jetzt lieber mehreren Aktivitäten nachgehen will, und das auch gerne auf die „learning by doing“-Art.

Deshalb bin ich auch so froh und irgendwie entspannt, dass ich ein Haus gekauft und mich niedergelassen habe. Da ich diese Entscheidung getroffen habe, kann ich weitermachen und wenigstens versuche und tue ich Dinge anstatt nur rumzusitzen.

Ich habe an diese Mär von allen Möglichkeiten jüngst gedacht, da ich nach langer Zeit versucht habe, ein auf dem Jakobsweg auswendig gelerntes Gedicht aufzusagen. Es hat sogar geklappt und das Gedicht ist für mich sehr besonders. Ich begegnete dem Gedicht zum ersten Mal auf einer Ausstellung zum Thema Entscheidungen in der Schweiz. Der Inhalt besagt das, was ich oben ausgeführt habe. Wenn man nichts macht, dann verschließen sich einem nach und nach Türen im Leben. Deshalb sollte man selbst aktiv und bewusst Entscheidungen treffen, basierend auf der Antwort auf die Frage, wofür man leben will.

_____________________________________________________________________________

About a year ago, I had already quit my job, but no clue what I’d be doing three months later and just many ideas in my head. When talking with people about my situation, I regularily heard the sentence „you’re still young and you’ve got all possibilities“. After some time, I started to react allergic to ALL THESE POSSIBILITIES. My answer became: „So what, if I continue like this, I will die with all these great possibilites and won’t have done or changed a single thing.“

I (and probably more people of my age) have heard this since I’ve been a child. Of course also a big luxury in some way. I have been free to choose to study whatever I wanted, but in the end I had to decide for one thing. I would definitely not make the same choice again and study economics, but I’d still be interested in studying romanic languages, library science, medicine, mathematics, sports, sociology… anyway, I have decided not to study again as this is quite a time-intense project where you really have to focus on something and I prefer to pursue more interests and to learn by doing at the moment. This is also why I am so satisfied and somehow relieved with my choice to have bought a house and settled somewhere. Having taken this decision, I can go on, and at least I am trying and doing things and not only sitting somewhere talking.

I thought of this „fairy tale of all possibilities“ as I call it these days, when I tried to remember one of the poems I have learned by heart on my hike on the Camino. I still do remember it and it has become really special to me. I’ve read it for the first time at an exhibition about decision making in Switzerland. The content basically is that we can’t just let life go and think that all doors will remain open forever. Instead, we have to actively and consciously take decisions based on our answer to the question what we want to live for. Read it, please, if you know at least some German.

IMG_2380a

WOFÜR WILL ICH LEBEN?

Du kannst dir nicht ein Leben lang 
die Türen alle offenhalten, 
um keine Chance zu verpassen. 
Auch wer durch keine Tür geht
und keinen Schritt nach vorne tut, 
dem fallen Jahr für Jahr die Türen, 
eine nach der anderen, zu. 

Wer selber leben will, 
der muss entscheiden: 
Ja oder Nein – 
im Großen und im Kleinen. 
Wer sich entscheidet, wertet, wählt 
und das bedeutet auch: Verzicht. 

Denn jede Tür, durch die er geht, 
verschließt ihm viele andere. 
Man darf nicht mogeln und so tun, 
als könne man beweisen, 
was hinter jener Tür geschehen wird. 

Ein jedes Ja – auch überdacht, geprüft – 
ist zugleich Wagnis und verlangt ein Ziel. 
Das aber ist die erste aller Fragen: 
Wie heißt das Ziel, an dem ich messe Ja und Nein? 
Und: Wofür will ich leben?
(Paul Roth)

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Poem

Stufen 1

Many Germans who read this might know the poem I am referring to. And some might even know how much I like this piece of German poetry. Hermann Hesse’s famous poem “Stufen” has been with me for a while: It has been read at the celebration of my A-level exam. Afterwards, it decorated the walls of my rooms in Munich and Zurich. I quoted it when I wrote to goodbye email at my last company. And lately, I learned it by heart while walking on the Camino de Santiago. I have repeated it aloud each walking day on the Camino. While writing these lines, I can see myself walking and reciting the lines. Sometimes, I repeated single lines until I felt deeply touched by their meaning (by the way: I think it’s of great value to know a poem by heart, try it out. And it’s easy to learn it while walking as both of your brain sides get activated and are ready to absorb … try it out as well!).

The content of Hesse’s poem fits very well into my life situation again at the moment, as I have always felt in high spirits when starting new somewhere. Let me quote it below. And for the none-native Germans: The content is about the “stairs of life”. The most frequently quoted lines are “and there is a kind of magic in every beginning – which protects us and helps us to live” – so beautiful and true.

 

STUFEN

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Hermann Hesse)

Stufen 2