Die Mär von allen Möglichkeiten – the fairy tale of having all possibilities

Poem, Thought

Vor einem Jahr hatte ich meinen Job bereits gekündigt, aber keine Ahnung, was ich in drei Monaten tun würde, nur sehr viele Ideen in meinem Kopf. Als ich mit verschiedenen Leuten über meine Situation sprach, habe ich oft den Satz gehört: „Du bist doch noch jung und hast alle Möglichkeiten.“ Irgendwann hab ich richtig allergisch darauf reagiert und geantwortet: „Na toll, wenn ich so weitermache, werde ich mit all den tollen Möglichkeiten sterben und was bringt mir das dann?“

Ich habe den Satz mit den vielen Möglichkeiten schon als Kind gehört (und Leute meines Alters sicher auch). Das ist natürlich in gewisser Hinsicht ein großer Luxus. Zum Beispiel war ich frei zu studieren, was auch immer ich wollte (zumindest fast), aber letztendlich musste ich mich für eine Sache entscheiden. Auch wenn ich heute sicher nicht wieder Volkswirtschaftslehre studieren würde, so würde mir die Wahl zwischen romanischen Sprachen, Bibliothekswissenschaften, Medizin, Mathe, Sport und Soziologie immer noch äußerst schwer fallen. Gut, ich habe mich eh gegen ein zweites Studium entschieden, da so ein Studium doch sehr in die Tiefe geht und ich jetzt lieber mehreren Aktivitäten nachgehen will, und das auch gerne auf die „learning by doing“-Art.

Deshalb bin ich auch so froh und irgendwie entspannt, dass ich ein Haus gekauft und mich niedergelassen habe. Da ich diese Entscheidung getroffen habe, kann ich weitermachen und wenigstens versuche und tue ich Dinge anstatt nur rumzusitzen.

Ich habe an diese Mär von allen Möglichkeiten jüngst gedacht, da ich nach langer Zeit versucht habe, ein auf dem Jakobsweg auswendig gelerntes Gedicht aufzusagen. Es hat sogar geklappt und das Gedicht ist für mich sehr besonders. Ich begegnete dem Gedicht zum ersten Mal auf einer Ausstellung zum Thema Entscheidungen in der Schweiz. Der Inhalt besagt das, was ich oben ausgeführt habe. Wenn man nichts macht, dann verschließen sich einem nach und nach Türen im Leben. Deshalb sollte man selbst aktiv und bewusst Entscheidungen treffen, basierend auf der Antwort auf die Frage, wofür man leben will.

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About a year ago, I had already quit my job, but no clue what I’d be doing three months later and just many ideas in my head. When talking with people about my situation, I regularily heard the sentence „you’re still young and you’ve got all possibilities“. After some time, I started to react allergic to ALL THESE POSSIBILITIES. My answer became: „So what, if I continue like this, I will die with all these great possibilites and won’t have done or changed a single thing.“

I (and probably more people of my age) have heard this since I’ve been a child. Of course also a big luxury in some way. I have been free to choose to study whatever I wanted, but in the end I had to decide for one thing. I would definitely not make the same choice again and study economics, but I’d still be interested in studying romanic languages, library science, medicine, mathematics, sports, sociology… anyway, I have decided not to study again as this is quite a time-intense project where you really have to focus on something and I prefer to pursue more interests and to learn by doing at the moment. This is also why I am so satisfied and somehow relieved with my choice to have bought a house and settled somewhere. Having taken this decision, I can go on, and at least I am trying and doing things and not only sitting somewhere talking.

I thought of this „fairy tale of all possibilities“ as I call it these days, when I tried to remember one of the poems I have learned by heart on my hike on the Camino. I still do remember it and it has become really special to me. I’ve read it for the first time at an exhibition about decision making in Switzerland. The content basically is that we can’t just let life go and think that all doors will remain open forever. Instead, we have to actively and consciously take decisions based on our answer to the question what we want to live for. Read it, please, if you know at least some German.

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WOFÜR WILL ICH LEBEN?

Du kannst dir nicht ein Leben lang 
die Türen alle offenhalten, 
um keine Chance zu verpassen. 
Auch wer durch keine Tür geht
und keinen Schritt nach vorne tut, 
dem fallen Jahr für Jahr die Türen, 
eine nach der anderen, zu. 

Wer selber leben will, 
der muss entscheiden: 
Ja oder Nein – 
im Großen und im Kleinen. 
Wer sich entscheidet, wertet, wählt 
und das bedeutet auch: Verzicht. 

Denn jede Tür, durch die er geht, 
verschließt ihm viele andere. 
Man darf nicht mogeln und so tun, 
als könne man beweisen, 
was hinter jener Tür geschehen wird. 

Ein jedes Ja – auch überdacht, geprüft – 
ist zugleich Wagnis und verlangt ein Ziel. 
Das aber ist die erste aller Fragen: 
Wie heißt das Ziel, an dem ich messe Ja und Nein? 
Und: Wofür will ich leben?
(Paul Roth)

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